Leib, Raum, Person
EINLEITUNG
Das Problem des Leibes
Zur Aktualität der Leibphänomenologie
Leibliche Räumlichkeit als ursprüngliche Partizipation
Zur phänomenologischen Methode
KAPITEL 1: Die dualistische Ausgangslage
1. Der Leib bei Descartes
2. Die Verborgenheit des Leibes
a. Der Leib bei Kant
b. Das Gemeingefühl
c. Vom Gemeingefühl zum Körperschema
KAPITEL 2: Leibphänomenologische Entwürfe im 20. Jahrhundert
1. Von der transzendentalen zur Leibphänomenologie
2. Max Scheler (1874-1928)
a. Der Leib bei Scheler
b. Die Schichten des emotionalen Lebens
c. Das Milieu als Funktion der Leiblichkeit
3. Erwin Straus (1891-1975)
a. Das Empfinden
b. Gnostische und pathische Wahrnehmung
c. Landschaftlicher und geographischer Raum
4. Maurice Merleau-Ponty (1908-1961)
a. Unterscheidung von Leib und Objekt
b. Die Intentionalität des Leibes in der Handlung
c. Intentionalität der Sinne
d. Die Ambiguität des Leibes
e. Zusammenfassung
5. Hermann Schmitz (* 1928)
a. Der Raum des Leibes
b. Leibliche Kommunikation
c. Der Gefühlsraum
d. Zusammenfassung und Kritik
KAPITEL 3: Der Leib
1. Der Grundcharakter leiblichen Existierens
2. Die absolute Räumlichkeit des Leibes
a. Innen und Außen: Kritik des Bewußtseinsinnenraums
b. Allgemeine Charakteristik des Leibraums
c. Veranschaulichung anhand der Phantomglieder
3. Phänomenologie des Leibraums
a. »Anatomie« des Leibes
b. Dynamik des Leibes
c. Der Antrieb und die Zentralität des Leibes
4. Leibraum und Umraum
a. Tasten
b. Einverleibung und Ausscheidung
c. Atmung
d. Zentralität und Reflexivität des Leibes
5. Die Polarität von Leib und Körper
a. Die ambivalente Aufhebung des Körpers im Leib
b. Der Körper als sozialer Leib
c. Kranksein, Krankheit, Hypochondrie
6. Das Leib-Seele- als Leib-Körper-Problem
a. Koextension von Leib und Körper
b. Korrespondenz von Leib und Körper
c. »Teleologie der Leiblichkeit«
d. Leib und Körper als korrespondierende Felder
KAPITEL 4: Der Richtungsraum
1. Philosophische Raumkonzeptionen
2. Die leibliche Herkunft des Raumbegriffs
3. Die leibliche Grundschicht des Raumes
4. Die Wahrnehmung
a. Wahrnehmung als intentionale Aktivität
b. Wahrnehmung als leibliche Partizipation
c. Wahrnehmung als Kommunikation
5. Der Richtungsraum
6. Orientierter Richtungsraum
a. Richtungskoordination
b. Richtungsbalance
7. Motorik und Handlung als Erweiterung des Leibes
a. Gerichtete Motorik
b. Handlung
8. Habituation
9. Trieb und Begehren
a. Zur Phänomenologie von Trieb und Begehren
b. Die Grundpolarität der Triebe
KAPITEL 5: Der Stimmungsraum
1. Struktur des Stimmungsraums
a. Das Grundphänomen des Ausdrucks
b. Leibliche Resonanz
2. Ausdruckscharaktere und Leiblichkeit
a. Phänomenologie der Ausdruckscharaktere
b. Ausdruck und Ähnlichkeit
c. Hervortreten der Ausdruckscharaktere
3. Exkurs: Der onto- und phylogenetische Primat des Stimmungsraums
a. Der mythische Raum
b. Freisetzung und Zurückdrängung der mimetischen Leiblichkeit
4. Atmosphären und Stimmungen
a. Atmosphären
b. Stimmungen und Befinden
5. Gefühle
a. Ausdruck und Resonanz der Gefühle
b. Intentionalität der Gefühle
c. Personalität der Gefühle — Zur Kritik der Schmitzschen Gefühlstheorie
d. Interpersonalität der Gefühle
6. Exkurs: Der Körper als Bühne der Gefühle
7. Zur Objektivität des Stimmungsraums
a. Ausdruckscharaktere und Atmosphären
b. Gefühle
8. Zwischenleibliche Kommunikation
KAPITEL 6: Der personale Raum
1. Die Perspektivität des Leibes
a. Zum Begriff der Perspektive
b. Zentralität und Perspektivität
2. Exzentrizität
a. Die Bewegung der Reflexion
b. Objektivierung
c. Intentionalität
3. Interpersonalität
a. Die Zwischenleiblichkeit von Mutter und Kind
b. Das Zeigen
c. Verneinung und Perspektivenwechsel
d. Der Blick des Anderen
e. Exkurs: Faszinierender, objektivierender und liebender Blick
f. Die Scham
g. Die Schuld
h. Die Dialektik der Perspektivenübernahme
i. Der interpersonale Raum
KAPITEL 7: Der Lebensraum
1. Allgemeine Strukturen des Lebensraums
2. Territorialität
3. Zur Entwicklung des Lebensraums
KAPITEL 8: Der geschichtliche Leib
1. Das Gedächtnis des Leibes
2. Leibgedächtnis und Ähnlichkeit
3. Die Explikation der Erinnerung
4. Die Bildung von Gewohnheit: Inkarnation, Habituation, Sensibilisierung, Oikeiosis
Resümee
Wir sind der leiblichen Existenz durch ihre verschiedenen Sphären und auch durch ihre Aufhebung in der Exzentrizität hindurch gefolgt. Wenn wir im Rückblick ihr Charakteristikum angeben sollen, so geraten wir in Verlegenheit — denn es ist gerade das Uncharakteristische, nämlich das Selbsttätige und das Selbstverständliche, das sich dem Rückblick eigentlich entzieht. Der Leib ist der »automatische« und anonyme Grund all unserer Lebensvollzüge. Er gleicht einem offenen Kreis, der sich im wahrnehmenden und handelnden Kontakt mit den Dingen ständig neu schließt, und der uns mit ihnen verbunden hat, ehe wir uns darüber Rechenschaft ablegen können. Die Subjekt-Objekt- Trennung geschieht nachträglich — der Leib ist ihr immer schon voraus, wie der Igel dem Hasen. Wir können das Wissen des Leibes von der Welt nie mehr vollständig rekonstruieren, denn die Rekonstruktion setzt ihrerseits schon die Vertrautheit mit der Welt voraus. Leiblichkeit ist eine nicht objektivierbare Weise unseres Daseins; sie fundiert und durchdringt alle seine Vollzüge als präreflexive, gelebte Subjektivität. Wir haben gesehen, daß das Bewußtsein sich auf dem Fundament des ausgedehnten Leibes erhebt, über einem »räumlichen Unbewußten«, das in Korrespondenz zum organischen Körper und seiner Tätigkeit steht. Subjektivität ist daher nicht extramundan, sondern feldförmig in die Welt hinein erstreckt; sie expliziert, was der Leib bereits implizit vorweggenommen hat. Im bewußten Wahrnehmen und Handeln greifen wir die partizipierende Beziehung auf, in welcher der Leib mit der Welt steht; wir verlassen uns auf den Sinn und die Vertrautheit, die er durch Einrichtung, Einstimmung und leibliche Kommunikation bereits hergestellt hat. Denn Wahrnehmung ohne diesen Untergrund der Vertrautheit bedeutet Entfremdung und Derealisation. Weder Freuds primärer Narzißmus noch Husserls reines Bewußtsein stehen am Anfang der Entwicklung, um dann in eine Beziehung zur Welt einzutreten, ebensowenig wie ein isolierter körperlicher Organismus; sondern die Einheit von Leib und Umraum, und vor allem die zwischenleibliche Sphäre ist die ursprüngliche Basis, auf der sich etwas wie ein »Ich« entwickeln und sich seinen »Körper« gegenüberstellen kann. Aber auch dann läßt sich das Seiende nicht aufteilen in eine mentale Innenwelt und eine physische Außenwelt; denn das Subjekt trägt als leibliches einen physischen Anteil in sich, so wie umgekehrt die Welt als beseelte und physiognomische einen psychischen Anteil hat. Während das Seelische dem klassischen Ein-Personen-Paradigma der Psychologie und Philosophie gemäß in einem unzugänglichen Inneren angesiedelt werden muß, zeigt die Zwischenleiblichkeit, daß der Raum unserer Existenz von Geburt an ein seelisch erfüllter und gemeinsamer Raum ist.
Wir haben weiter gesehen, wie das Leib-Selbst zum Ich-Selbst wird, oder der »von selbst« tätige, präreflexive Grund der Lebensvollzüge zu einem Selbst, das seiner bewußt ist. Es sind wesentlich Erfahrungen des Verlusts der primären Kohärenz von Leib und Mitwelt (des Erstaunens, des Widerstandes, der Trennung, des Zurückgeworfenwerdens), in denen sich Bewußtsein und Selbstbewußtsein entwickeln - also gerade dort, wo eine in der Leiblichkeit aufgebrochene Kluft überbrückt, durch den »Umweg« der Bewußtwerdung neu geschlossen werden muß. Mit dieser Aufhebung der primären Leiblichkeit konstituiert sich die Person als ein Wesen, das sich seinem leiblichen Erleben gegenüberzustellen vermag; das einen exzentrischen Standpunkt einnimmt, von dem aus es sowohl erlebter Leib als auch äußerlicher Körper ist; das sich als Mittelpunkt einer absolut auf seinen Leib bezogenen räumlichen Sphäre und doch ebenso als Körper an einer beliebigen Raumstelle relativ zu anderen Körpern begreifen kann.
Durch die exzentrische Position, so entscheidend sie für den Menschen ist, wird die leibliche Perspektive allerdings nur virtuell, im »als-ob« aufgehoben. Wir bleiben an unseren jeweiligen Umweltaspekt gebunden, auch wenn wir von seiner Begrenztheit und von anderen Aspekten wissen. Vor allem ist es die Notwendigkeit des Handelns, die zu dieser Begrenzung zwingt. Theoretisch können wir uns über die Situation erheben und dadurch von ihr Distanz gewinnen, praktisch müssen wir sie aber leiblich bewältigen. Einen Berg zu besteigen ist eben nur von einer Seite aus möglich, auch wenn wir von anderen Aufstiegsmöglichkeiten wissen. Auch eine theoretisch, reflektierend erfaßte Situation bleibt für den Handelnden gleichwohl eine perspektivische. Der Leib gibt ihm den raumzeitlichen Standort vor, der zum allgemeinen Standpunkt der Vernunft, zum »view from nowhere« in einem dialektischen Verhältnis steht. Nur aus der Begrenzung der eigenen Leiblichkeit heraus könnten wir Situationen nicht unter ethischem Aspekt sehen; aber ebensowenig könnten wir uns ohne unser leibliches Handeln in ihnen bewähren. Ja das Handeln wird umso vollkommener gelingen, je mehr der Handelnde mit ihm eins wird, also die Ebene der Reflexion wieder verläßt und absichtslos, »selbstvergessen« handelt.
Die Dezentrierung kann daher niemals vollständig werden, oder auch nur der oberste Wert der Existenz sein. Die wissenschaftliche Vernunft strebt zwar danach, einen ideellen, leibfreien Standpunkt einzunehmen, in der die Existenz selbst zum Objekt wird. Als leibliche Subjekte können wir uns aber nie als »Ding unter Dingen« verstehen, ohne uns der eigenen leiblichen Existenz zu entfremden und damit die Grundlage all unseres Verstehens aufzuheben - des Verstehens unserer selbst wie unserer Mitmenschen. Der »Blick von nirgendwo « ist nicht der Blick des Menschen; denn »nichts Menschliches ist ganz und gar unleiblich«. Leiblichkeit kann nie vollständig im Vernunftstandpunkt aufgehen - sonst wird Vernunft totalitär.
Vor allem aber muß die Reflexion, will sie praktisch werden, danach streben, selbst zur Zentralität des reinen Vollzugs zurückzukehren, nämlich das Eingesehene oder Erkannte zur »zweiten Natur« werden zu lassen - so wie der erfahrene Musiker ein erlerntes Stück »im Schlaf« beherrscht und gerade damit den Gipfel seiner Kunst erreicht. Das in der exzentrischen Position Explizierte muß immer wieder implizit, muß wieder vergessen werden, um eigentlich wirksam werden zu können. Dann schließt sich der Kreis wieder, der mit dem Bewußtsein aufgebrochen ist. Und so muß auch alles Reden vom Leib am Ende schweigen und ihm das Feld wieder überlassen. Kleist hat dies in die Worte gefaßt, der Mensch vermöge wohl in den Stand der Unschuld und damit auch zur Grazie zurückzukehren, wenn erst »die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches durchgegangen ist«. Das aber, so Kleist, »ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt«.
(S. 333-335)