Soziologie und Wirtschaftswissenschaften
Die Raumdimension ist in der Soziologie von grundlegender Bedeutung, wird doch unter „Gesellschaft“ etwas Umfassendes und Ganzes verstanden, was das Zusammensein von Lebewesen und Menschen in einem bestimmten Raum dauerhaft strukturiert und ordnet.
Im deutschsprachigen Bereich hat Georg Simmel frühe und wichtige Beiträge zur Vertiefung des Themas „Raum“ geleistet, den er als Behälter versteht. Später befasste sich die Soziologie allerdings eher zurückhaltend mit Raumfragen. Sie war lange mehr zeitorientiert, was namentlich für jene Variante der Systemtheorie gilt, die Niklas Luhmann entwickelte.
Doch nicht nur „die Gesellschaft“ im abstrakten Sinne braucht Raum, sondern auch der Mensch. Wenn Raum und Körper als Container vorgestellt werden mit einem Innen und Aussen, dann hat das aber zur Folge, dass sich ein solcher Mensch, von Norbert Elias Behälter- und Zustandsmensch genannt, als ausserhalb der Gesellschaft stehend sieht. Elias plädierte deshalb für eine Überwindung der Vorstellung vom Individuum als einem Gegenüber von Gesellschaft und schlug die Begriffe Figurationen und Verflechtungen vor. Pierre Bourdieu wiederum stellte dar, wie der Körper des Menschen, seine Haltung und sein Verhalten durch seine Position im Gesellschaftsraum geprägt wird. Und Martina Löw sieht Raum als relationale Anordnung von Lebewesen und sozialen Gütern an Orten, der konstituiert wird durch die analytisch unterscheidbaren Prozesse des Spacing und der Syntheseleistung. Atmosphären sind für sie die in der Wahrnehmung realisierten Aussenwirkungen räumlicher Anordnungen von Menschen und sozialen Gütern.
Neben diesen grundsätzlichen und modellhaften Überlegungen studierte die Soziologie immer auch praxisbezogene Aspekte, vor allem der Raumnutzung und -gestaltung. Das private Wohnen und Lebensstilfragen wurden schon früh thematisiert. So befassten sich etwa Jonas Frykman/Orvar Löfgren mit den „Culture Builders“, Alphons Silbermann mit dem neuen Wohnen der Deutschen sowie Hartmut Häussermann/Walter Siebel mit der Soziologie des Wohnens. Monika Kritzmöller wiederum arbeitete acht „Open Choice-Strategien“ als tiefenstrukturelle Muster heraus, mit denen sich das Kundenverhalten erklären lässt.
In den Wirtschaftswissenschaften spielte der Raum zunächst in der Volkswirtschaftslehre eine wichtige Rolle. So sei zum Beispiel an das im frühen 19. Jahrhundert entwickelte Idealschema der Anordnung der Landnutzungszonen in sogenannte Thünen’sche Ringe/Kreise erinnert. Was die nähere Vergangenheit betrifft, so sind Raum (und Zeit) implizit und explizit in der Leitidee der Nachhaltigen Entwicklung von Bedeutung. In diesem Zusammenhang sind in einem sehr direkt raumbezogenen Bereich der Wirtschaftswissenschaften, in der Tourismusforschung nämlich, von Hansruedi Müller die ökologischen Aspekte früh aufgegriffen worden, später von Dieter Pfister die sozialen in den Fragen der Qualität und Authentizität im Umgang mit der Raumsubstanz und dem Marketing (historischer) Hotels.
Im Bereich der Betriebswirtschaftslehre stellte sich die Raumfrage zunächst im Laden- und Messestandbau, wo Konsumpsychologen und Marktforscher sowie Ladendesignpraktiker überblicksmässige und auch detailliertere Studien vorlegten. In jüngerer Zeit waren dies im deutschsprachigen Raum etwa Christian Mikunda oder Wilhelm Kreft. Letzterer folgte der in diesem Feld das Raumthema bis heute stark segmentierenden Betrachtungsweise, indem er zwischen einem „Grundleistungsmarketing“, einem „Designmarketing“ und einem „Kommunikationsmarketing“ unterschied.
Aus dem Blickwinkel von Kommunikation und Dienstleistungsmarketing erarbeiteten Charlotte Bühler und später Dirk Steffen Dissertationen. Das Immobilienmanagement und -marketing wiederum wurde von Karl-Werner Schulte und Nico Rottke sowie von Roman H. Bolliger und Bernhard Ruhstaller grundlegend wissenschaftlich aufgearbeitet.
Relativ selten befasste sich das Personalmanagement mit Raum- und Atmosphärefragen. Raimund Schöll analysierte und differenzierte hier Betriebsatmosphären und Dieter Pfister baute eine Brücke zwischen den Prozessen des Changemanagement und Raumgestaltung. In einer ganzheitlich-nachhaltigen Betrachtungsweise kommen die Wirtschaftswissenschaften den Raumfragen wohl im Zusammenhang mit der Idee der Marke am nächsten. Hier geht es darum, die Brücke von der Markentheorie zu Raum und Ort zu schlagen, so wie es die nachfolgende Abbildung darstellt.
