Der unerschöpfliche Gegenstand
'Der unerschöpfliche Gegenstand' - In das Zeichen dieser Worte rückt Schmitz mit dem Titel seines Buches die Grundzüge der Philosophie. Er rehabilitiert den Gegenstand, der betroffen macht (sowohl als Gegenüber wie als umgreifen-durchdringende Atmosphäre), gegen die in Europa seit Demokrit dominante reduktionistische Vergegenständlichung, die aus dem Abfall der vielsagenden Eindrücke im Subjekt eine Innenwelt (Seele, Bewusstsein) aufgeschüttet und so den genuinen Sinn der Subjektivität verdinglichend verzerrt hat. Er steigt mit phänomenologischen Begriffen zu der primären Betroffenheit ab, die jedem im Leben vertraut, aber durch die kulturspezifische Vergegenständlichung der Besonnenheit entzogen ist, und verfolgt von da aus Chancen und Richtungen der Distanzfindung und Orientierung.
Er legt mit diesem Buch eine kürzere und übersichtliche Neufassung seines zehnbändigen Werkes 'System der Philosophie' vor.
Inhaltsverzeichnis:
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1. Einführung in die Philosophie - Was ist Philosophie? - Abriß der Geschichte der Philosophie nach Wendepunkten - Methoden der Philosophie 2. Ontologie 3. Anthropologie 4. Erkenntnistheorie 5. Chronologie (Die Zeit) |
6. Choriologie (Der Raum) 7. Praktische Philosophie 8. Theiologie (Das Göttliche) 9. Ästhetik |
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Zitate:
"Kant faßt seine Meinung über den Raum in dem Satz zusammen: "Der Raum ist nichts anderes, als nur die Form aller Erscheinungen äußerer Sinne, d.i. die subjektive Bedingung der Sinnlichkeit, utner der allein uns äußere Anschauung möglich ist." (Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl. S. 26, 2. Aufl. S. 42) Etwas Verkehrteres kann man über den Raum schwerlich sagen ..." (S. 277)
1.2. Abriß der Geschichte der Philosophie nach Wendepunkten
1.2.1 Die Prägungsphase
Das Durcheinander von Meinungen und Systemen in der Geschichte der europäischen Philosophie ist weniger bunt, als es dem Anfänger scheinen mag. Nur an wenigen Stellen tauchen grundsätzlich neue Motive auf, während sonst ein begrenztes Alphabet von Leitgedanken zäh festgehalten und nur umarrangiert wird. Das wichtigste Ereignis steht am Anfang: eine für die folgenden Jahrtausende ausschlaggebende Weichenstellung, eine durchgreifende Prägung, vergleichbar der Prägung von Jungtieren auf Kumpane in der Elternrolle (normalerweise die Mutter) in einer sensiblen Phase ihrer frühen Entwicklung nach Konrad Lorenz, nämlich genau so durchschlagend hartnäckig. Um einen Standpunkt für die Übersicht über die Philosophiegeschichte zu gewinnen, muß man diese schicksalhafte und fragwürdige Prägung an
1.2.1.1 Introjektion
Die Seelenvorstellung im heute üblichen Sinn eines dem Körper an Einheitlichkeit mindestens gleichkommenden Verbandes aller Erlebnisse eines Menschen, oder gar im Sinn eines substantiellen „Trägers" dieses Verbandes, ist ein Erbe der griechischen Philosophie des 5. Jahrhunderts v. Chr. und konsolidiert sich erst an der Wende zum 4. Jahrhundert, während sie für Platon
1. Bedürfnis nach Zentrierung, den Menschen vom Diktat der unwillkürlichen Regungen zu entlasten und ihm im Umgang mit diesen die Regie so zu übertragen, daß er sein Verhalten mit Einsicht zu steuern vermag und dafür verantwortlich gemacht werden kann, ohne den Entschuldigungsgrund der Besessenheit durch ergreifende Mächte zu haben. Die motivierende Kraft dieses Bedürfnisses verrät sich u. a. in der widerspruchsvollen Doppelansicht der Seele als Subjekt und Rahmen des Erlebens, Herr im Haus und Haus, worin jener Herr ist.
2. Bedürfnis, die Welt möglichst weitgehend so zu vergegenständlichen, daß man sich dabei an nur wenige, intermomentan und intersubjektiv gut identifizierbare Merkmale (Demokrit: Größe, Gestalt, Anordnung, Lage im Raum; Aristoteles in anderem Zusammenhang: Größe, Gestalt, Ruhe, Bewegung, Zahl) zu halten braucht, so daß für den Rest (z. B. Gefühle, alles Atmosphärische) ein Abladeplatz benötigt wird; dazu bietet sich die aus dem ersten Bedürfnis entsprungene Seele an. Schon Leukipp und Demokrit „verseelen" sogar die Sinnesqualitäten (Farben, Gerüche usw.) und lassen der Außenwelt nur das Leere und die Atome, die darin wirbeln.
Die Konstruktion der Seele und Ihrer Epigonen (Gemüt, mind, Bewußtsein) umfaßt zwei Gedankenschritte:
1. Annahme der Innenwelthypothese: Für jeden Menschen zerfällt die Welt in seine Außenwelt und seine Innenwelt mit der Maßgabe, daß ihm ein Gegenstand seiner Außenwelt höchstens dann zu Bewußtsein kommen kann, wenn dieser Gegenstand in seiner Innenwelt mindestens einen Vertreter hat. Wenn z. B. etwas gesehen oder gehört wird, postuliert die Hypothese einen Akt des Sehens oder Hörens oder eine Empfindung oder ein inneres Vorstellungsbild in der Seele (oder als „Bewußtseinsinhalt"); Husserl wollte sich sogar durch in sein Bewußtsein verwobene Akte die Bedeutungen der Konjunktionen „und" und „oder" repräsentieren lassen.
2. Introjektion: Der Weltinhalt, der sich der reduzierenden Vergegenständlichung durch wenige dürftige, geschickt gewählte Merkmale (s. o. 2) entzieht, wird der gemäß der Innenwelthypothese aufgespannten Seele eingelagert. Was vorher etwa als Besessenheit von treibenden Göttern erdeutet worden war, gilt fortan — kaum realistischer — als Trieb in der Seele des Menschen; Eros und Phobos werden zu Spezialitäten von Lust und Unlust. Außer mit den meist fiktiven Vertretern im Sinn der Innenwelthypothese bevölkern sich die Innenwelten mit den unbestreitbar vorkommenden leiblichen Regungen, Gedanken, Gefühlen und Entschlüssen, von denen die dazwischen befindliche Außenwelt — der Durchschnitt aller Außenwelten der Individuen — so leergefegt wird, daß sie mit den großartigen Künsten der Naturwissenschaft und Technik tunlichst bequem beherrscht werden kann. Alles Atmosphärische wird weggedeutet; z. B. das Wetter zerfällt in einen Zustand der Luft — eines von jener Reduktion auf standardisierte Merkmale erdachten Körpers — und eine Reihe von hygrothermischen Empfindungen, die mit elektrisch von der Haut ins Gehirn leitenden Nerven in Verbindung gebracht werden. Was aus den Gefühlen wird, kann man sich denken. Die leiblichen Regungen werden bis zur Unkenntlichkeit zerlegt und verdeckt. Die theoretische, besonnene Sprache über die Erfahrungen des affektiven Betroffenseins verkümmert; dafür treten die Meisterleistungen der pathetisch oder lyrisch inspirierten Dichtersprache ein.
1.2.1.2 Sensualistische Reduktion
Was Menschen gewöhnlich unbefangen wahrnehmen — besonders, wenn sie lebhaft, empfänglich und aufgeschlossen sind —, das sind in erster Linie Eindrücke in einem anderen Sinn als dem sensualistisch reduzierten, der z. B. bei David Hume übrig geblieben ist, wenn er von impressions spricht: Eindrücke, wie man sie von einem Menschen hat, oder auf einer Reise, oder beim Betreten eines mehr oder weniger aufgeräumten Zimmers oder in einer besonderen Naturstimmung, und in erster Linie, wenn man etwas kennen lernt, das, wie man sagt, Eindruck macht oder einen Eindruck hinterläßt. Was für ein Gegenstand so ein Eindruck ist, macht man sich leicht an einem interessanten Gesicht klar, besser vielleicht an einem gemalten oder in Stein gehauenen, etwa einem Porträt der Römer- oder Barockzeit. Es spricht zum Betrachter, wird „vielsagend" genannt, macht einen fesselnden, vielleicht tiefen Eindruck, den man so leicht nicht los wird; man kann aber nicht genau sagen, was es sagt, man ahnt es nur, obwohl der Eindruck insgesamt scharf bestimmt
Man kann sich nicht vorstellen, daß ganze Eindrücke mit den in sie „verbackenen" Sachverhalten, Programmen und Problemen als körperliche Reize durch Sinnesorgane über ein Zentralorgan (Gehirn) in die Seele transportiert werden. Deshalb zerschlägt der Physiologismus die normalen Verbände auf der Gegenstandsseite der Wahrnehmung, bis einfache oder konfigurierte Reize übrig bleiben, denen Empfindungen oder gestalthafte Zusammenschlüsse von solchen in der Seele entsprechen sollen. Das ist die sensualistische Reduktion. Was der aufgeschlossene Mensch sonst noch wahrnimmt, was er sogar darüber hinaus noch wahrnehmen muß, um sich zurechtzufinden und überleben zu können, soll dann innerhalb der Seele durch Assoziation und Kombination (Locke, Hume) oder Verarbeitung mit zusätzlichen Instrumenten (Kant: Kategorien; Schopenhauer, Helmholtz: unbewußte Schlüsse) zu den von außen stammenden Affektionen hinzugebracht werden. Das ist der die durch sensualistische Reduktion entstandenen Verluste kompensierende Rationalismus, von dem der (englische) Empirismus, fälschlich als dessen Gegenspieler ausgegeben, bloß eine Variante ist. Die sensualistische Reduktion dominiert im europäischen Denken seit Demokrit, während Anaximenes, Parmenides und Empedokles das Erkennen noch als Bemerken von Eindrücken verstehen und sogar Demokrit selbst noch beider Auffassungen fähig ist, wie seine Behandlung des Lepton (des Zarten, Feinen, Schlanken, „Leptosomen") zeigt; ich habe die Entwicklung in einer umfangreichen Monographie bis ins Detail verfolgt (Hermann Schmitz, Der Ursprung des Gegenstandes. Von Parmenides zu Demokrit, Bonn 1988). Die sensualistische Reduktion wird spätestens durch Platon (Theätet) um den Rationalismus ergänzt.
Das europäische Denken hat durch die Zerschlagung der Eindrücke auf der Gegenstandsseite der Wahrnehmung die Chance erhalten, seine Begriffsbildung auf eine Abstraktionsbasis zu stützen, die von zwar dürftigen, aber sehr geschickt gewählten Merkmalen gebildet wird, nämlich solchen, die sich — wie das Resultat des Zählens an festen Körpern im zentralen Gesichtsfeld — ziemlich bequem und mechanisch nach festen Regeln intermomentan und intersubjektiv reproduzieren und manipulieren lassen. Daraus schmiedete es sich die mächtige Waffe exakt standardisierter Induktion, wozu es in außereuropäischen Kulturen nichts Entsprechendes gibt. Die europäische Intelligenz konnte sich der Rekonstruktion und Bewältigung der faktischen Lebenserfahrung von einer dürftigen Basis aus, die keine nennenswerten Ansprüche an intuitive Bildung stellt, mit großem Erfolg zuwenden und damit
Die „offizielle" Wissenschaft fußt in Europa schon seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. hauptsächlich auf der sensualistischen Reduktion und ihrer rationalistischen Kompensation; man kann sich z. B. davon überzeugen, wie Aristoteles (Metaphysik A) und Theophrast (De sensibus) die Vorsokratiker in diesem Sinne mißverstehen. In der Neuzeit geht dann die Saat in Naturwissenschaft und Technik auf. Die exakte intersubjektive Kontrollierbarkeit, die diese Kulturzweige letztlich der philosophischen Prägungsphase verdanken, ermöglicht ihnen die strenge kritische Sachlichkeit, die ethische Grundlage ihrer
1.2.2 Der Neuplatonismus
Bis in unser Jahrhundert hinein ist in der Geschichte der Philosophie — vom Urchristentum (s. System II 1 S.505-528, III 2 S. 508-519; Hermann Schmitz, Leib und Seele in der abendländischen Philosophie, in: Philosophisches Jahrbuch 85, 1978, 221-241, S. 233-235) sehe ich hier ab — nur ein einziger gründlicher, zum philosophischen System ausgereifter Vorstoß gegen die demokritisch-platonische Prägung des Denkens durch Introjektion, sensualistische Reduktion und Rationalismus unternommen worden, merkwürdiger Weise im Namen Platons und mit der Inbrunst demütiger Verehrung für diesen: der Neuplatonismus, der ein aussichtsreicher Ansatz zur Überwindung der Engen der platonischen Konzeption war, aber dafür nicht nüchtern und selbstsicher genug gewesen ist. Plotin übernimmt von Platon den Dualismus des Übersinnlichen und die Minderwertung des Sinnlichen, aber an Hand eines anderen Maßstabs. Für Platon beruht der Vorzug der übersinnlichen Ideen auf ihrer Reinheit, Klarheit, Endgültigkeit und umwandelbaren Festigkeit. Einen Zusammenhang zwischen ihnen beschreibt er nur in der Weise äußerlicher Reihung und Verflechtung, wobei z. B. die Gattung ihre Arten von außen umfaßt, und selbst die beiden Ideen, die durch die anderen hindurchgehen, das Seiende und das Verschiedene, durchdringen jene nicht, sondern gehen hindurch nur wie Vokale in einer Konsonantenreihe, im Sinne fortwährenden Dazwischentretens (Sophistes 253, s. Hermann Schmitz, Die Ideenlehre des Aristoteles, Band I Teil 2, Bonn 1985, S. 34 f.). Platon vergleicht die Ideen mit den ohne Verbindung und ohne Abteilung der Worte und Sätze neben einander geschriebenen Buchstaben der damaligen Schrift; sein Wort für „Buchstabe" bedeutet auch so viel wie „elementarer Bestandteil". Dagegen zeichnet sich die ideale Welt Plotins vor der sinnlichen durch die höhere Einheitsform der Integration, der innigen Wechseldurchdringung, aus. Es ist dieselbe Unendlichkeit des Weltstoffs, die im sinnlichen Bereich raumzeitlich zerstreut, in der Seele der Welt wenigstens noch zeitlich erstreckt, im Geist als der übersinnlichen Welt aber innig integriert vorliegt (Enneaden V 7, 3,21-24:
1.2.3 Die Entdeckung der Subjektivität
Vom antiken Neuplatonismus bis zum deutschen Idealismus nach Kant sind der theoretischen Philosophie keine neuen Motive von prinzipieller Bedeutung zugeflossen. Die Scholastiker des Mittelalters und die spanischen des 16. Jahrhunderts, ebenso Descartes, Spinoza, Leibniz und Kant beschränken sich im Wesentlichen auf ein Umarrangieren von Gedanken, die im Altertum vorgedacht waren, und Verschiebungen der Akzente. Bezeichnend dafür ist Kants Rede von seiner (kopernikanischen) Revolution der Denkungsart; eine Revolution ist dem Wortsinn nach eine Umwälzung, die nur eine andere Lagerung vorhandener Teile bringt. Dazu kommt die unwillkürliche Verschiebung übernommener Begriffe durch Fortfall der Lebenserfahrung und Anschauung, woraus sie ursprünglich geschöpft waren. Eine radikal neue Thematik führt zuerst wieder Fichte ein, durch Entdeckung der Subjektivität. (Dieser Vorgang ist ausführlich analysiert in System IV S. 62-85.) Ich habe sie am affektiven Betroffensein aufgewiesen (1.1); Fichte geht den umgekehrten Weg der Entfremdung durch Reflexion auf die vermeintliche — wenn auch nicht faktische — Möglichkeit, sich aus jedem Betroffensein herauszuhalten und über jeden beliebigen Standpunkt zu erheben, wenn auch nicht mit einem Schlag über alle möglichen Standpunkte. Er nennt sie „das absolute Abstraktionsvermögen". Im Bemerken dieses Vermögens stößt man auf das absolute Ich, das schlechthin sein eigenes Sein setzt; Fichte bezeichnet es und sein Sichsetzen als „ein bloßes Regulativ für das Denkvermögen" (1794; Quellenangabe: System IV S. 76 Anm. 280), nämlich für dieses Abstraktionsvermögen, sich aus jeder Gegebenheit zurückzuziehen. Das Setzen des eigenen Seins besteht also in der Lockerheit dieses Seins, nicht ohne eigenes Zutun gegeben zu sein, wobei es sich entweder um das Einnehmen eines Standpunkts handelt, oder um ein Sich-gehen-lassen im Sinne der Unterlassung des Sicherhebens daraus, wofür der Mensch gleichfalls verantwortlich ist (formale Freiheit im Sinne des Systems der Sittenlehre von 1798). Fichte entdeckt die Subjektivität also durch ein dem Menschen zugemutetes Vermögen der Abspaltung: Was ich auch immer bin, daß ich es bin,kann nicht von sich aus feststehen, sondern muß durch tätige, daher intellektuelle (d. h. nicht sinnlich- rezeptive) Anschauung vollbracht und ineins damit gewußt werden. Die Brisanz dieser Entdeckung liegt eigentlich ganz in einer neuen Fragestellung, für die Fichte die durch ihre Schlichtheit schlagende Fassung findet: „Ich schreibe, ich habe also eine Vorstellung von meinem Schreiben, es schreiben aber auch andere neben mir. Woher weiß ich nun, daß mein Schreiben nicht das Schreiben eines anderen ist?" (Wissenschaftslehre nova methodo, Vorlesung 1798/99, Fichte-Gesamtausgabe IV,2, Stuttgart 1978, S. 232). Diese Fragestel
Seit Fichte gibt es keine „Stellung des Menschen im Kosmos" (Scheler) mehr. Die Stellung wird zur Rolle, in die man sich versetzt, und sei es durch bloßes Sich-gehen-lassen im Hinnehmen des Gegebenen. Die Menschheit verläßt das Kindesalter, in dem es selbstverständlich ist, dies und jenes zu sein, z. B. gerechtfertigt und Sünder zugleich (Luther), sinnliches Vernunftwesen (Kant). Der Mensch geht nicht mehr auf in dem, was ihm als Sosein zufällt. Dadurch entsteht Entfremdung von sich und Unsicherheit im eigenen Sein; Sartre spricht von distance de soi. Zunächst wird sie überdeckt von dem enormen Kraftgefühl des Vermögens, sich über jeden Standpunkt erheben und auf jeden versetzen zu können. Das ist romantische Ironie (Friedrich Schlegel) und magischer Idealismus (Novalis); Hegel, der diese Aussicht durch Aufhebung in sein Konzept der Freiheit nützen und unschädlich machen möchte, findet für ihre beiden Seiten — die negative (rezessive) und die produktive — eine klassisch saloppe Formulierung, als ob es sich schon um eine Trivialität handle: „Jeder wird zunächst in sich finden, von allem, was es sei, abstrahieren zu können und ebenso sich selbst bestimmen, jeden Inhalt durch sich in sich setzen zu können." (Grundlinien der Philosophie des Rechts § 4; von Abstrahieren ist hier im Sinne nicht der Logik, sondern der Fichte'schen Ichlehre die Rede: als Abstandnehmen, Sicherheben über etwas durch Reflexion.) Diese Beweglichkeit des Abstraktions- (besser: Emanzipations-) und Setzungs-Vermögens wird aber auch zur Quelle der Langeweile und Frustration (en- nui), weil ein Mensch, der sich so über alles zu stellen vermag, nicht mehr ganz in etwas aufgehen und mit Haut und Haar dabei sein kann, sondern mit dem Hochgefühl des Darüberstehens zusammen die Peinlichkeit empfindet, neben seiner Rolle zu stehen, und schließlich neben dem, was seine Sache ist („tua res agitur") und ganz nur so lange war, wie seine Subjektivität in bestimmte Sachverhalte, Programme und Probleme fest und fraglos einschmolz. Mit Fichte entsteht daher der romantische Weltschmerz und ennui des Entfremdungserlebens (Byron, de Senancour, de Musset; Tieck: William Lovell; Kierkegaard: Tagebuch eines Verführers; Puschkins Onegin, Lermontows Petschorin, Dostojewskis Stawrogin), und mit dem ennui zusammen die Angst (zuerst in Fichtes Bestimmung des Menschen am Schluß des 2. Teils), die Kierkegaard dem Höhenschwindel vergleicht: die Ichangst (System I S. 235 f. und IV S. 87-92), d. h. die Angst, ich zu sein, ohne Rücksicht darauf, ob die objektiven Tatsachen, die zum Sosein des N. N., der ich bin, gehören, und die damit verbundenen Probleme mehr oder weniger bedrohlich sind. Es ist die Angst vor der Verflüchtigung des eigenen Soseins, das nicht mehr als etwas Gegebenes und auf fester Grundlage teilweise Veränderbares hin
1.3 Methoden der Philosophie
Platon zerlegt den Gang philosophischer Spekulation in die anagogischreduktive Phase (Weg zu den Prinzipien) und die konstruktiv-genetische (von den Prinzipien abwärts, Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1095 a 32 — b1). Diese Kehre erläutert er nur mit großartig-dunklen Andeutungen (Staat 511). Danach ist der Aufwärtsweg ein Sprung, mit dem sich der Philosoph über Unterstellungen (Hypothesen) zu einem absoluten, von keiner Unterstellung abhängigen Urgrund erhebt, dem Ursprung des Alls, wovon er abwärts durch eine Auffächerung oder Verästelung fortschreitet, die sich an einer das Ideenreich durchziehenden Rangordnung ohne Anleihe bei der Sinnenerfahrung bis zu speziellen, nach Phaidros 277 b nicht mehr zerlegbaren Ideen entlangtastet. Diese Zerlegungskunst kommt im Sophistes (253) als Dialektik und Aufgabe des wahren Philosophen vor. Es scheint sich um eine der botanischen Systematik Linns vergleichbare Inventarisierung zu handeln, die nur umfassender (allumfassend) und in der Sachgemäßheit anspruchsvoller (als natürliches System) gemeint ist. Dem späten Platon scheint darüber hinaus die
Weder die transzendentale noch die dialektische Methode haben vermocht, das kühne Methodenprogramm Platons in die Tat umzusetzen oder überflüssig zu machen. Eine Erneuerung dieses Programms liefert Descartes, besonders mit seinen Regulae ad directionem ingenii (1628). Von der platonischen Dialektik unterscheidet sich die cartesische Methode dadurch, daß sie von der Verquickung dihairetischer und kombinatorischer Struktur abgeht und für das Ideal universaler Erkenntnis nur die kombinatorische behält. Eine dihairetische Struktur beginnt mit einer Spitze — für Platon „der Ursprung des Alls"—, wo die sukzessive Verzweigung in Arten, Unterarten usw. einsetzt. Eine kombinatorische Struktur bedarf keiner solchen Spitze, sondern eines endlichen Alphabets, mit dem die Vielfalt des Gegebenen kombinatorisch „durchbuchstabiert" werden kann. Demgemäß ersetzt Descartes Platons anagogische Phase durch eine analytische, in der alles auf eine lückenlos vom Komplizierten zum immer Einfacheren absteigende Reihung ankommt; wenn diese bis zu einer vollständigen Aufzählung der involvierten einfachen Elemente vorgedrungen ist, fügen sich diese nach Descartes mehr oder weniger unwillkürlich so zusammen, daß die zur Analyse gegenläufige Rekonstruktion des Kom
Kant hat an dem platonisch-cartesischen Methodenprogramm (ohne direkte Bezugnahme) in seiner Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral (1764) eine kluge Kritik geübt, die sich gegen den Optimismus beim Definieren richtet, nämlich gegen die Erwartung, philosophische Begriffe durch Definitionen im Sinne von Strukturformeln auf einfachste Elemente (cartesische simplicia) reduzieren und aus diesen rekonstruieren zu können. In meiner Ausdrucksweise: Er hat auf die Unentbehrlichkeit der vorbegrifflichen Gattungen aufmerksam gemacht, s. u. 2.10.3 und System IV S. 207-210. Leider hat man diesen Hinweis (und den entsprechenden in Kritik der reinen Vernunft, 2. Aufl., S. 756-759) oder verwandte Erwägungen zur Abwertung philosophischer Definitionen mißbraucht, nicht nur der Strukturformeln, sondern auch der eindeutigen Kennzeichnungen auf der Grundlage relativ trivialer Lebenserfahrung; dann kommt es zur Phlyariokratie, zur Herrschaft des Geschwätzes in der Philosophie. Vorbild für philosophisches Definieren sollte die genaue Festlegung der Straftatbestände durch die Juristen sein, oder die Serie sorgfältiger Affektdefinitionen im 2. Buch der Rhetorik des Aristoteles (s. System III 2 S. 470 f.).
Die optimale Methode der Philosophie im Sinne der Besinnung des Menschen auf sein Sichfinden in seiner Umgebung ist meinem Urteil nach die phänomenologische, weil sie nicht so hochfahrende, und daher durch Übertreibung einseitig machende, Ansprüche stellt wie die bisher besprochenen Methodenvorschläge, andererseits aber der Hellhörigkeit des Vergewisserungsstrebens keine Grenzen setzt; wenn ich Phänomenologe bin, geht es mir in steter Wachsamkeit gegen Vorurteile, Suggestionen (z. B. von Seiten der Sprache) und willkürliche Konstruktionen darum, herauszufinden, was ich jeweils gelten lassen muß, und so die subjektiven Tatsachen zur Geltung zu brin
Mit einigen Strichen skizziere ich nun die Eigenart meiner phänomenologischen Methode (vgl. System III 1 S. 1-7 und Hermann Schmitz, Neue Phänomenologie, Bonn 1980, S. 10-27). Sie läßt sich einleitend mit Humes Unterscheidung zwischen impression und idea illustrieren. Hume suchte den Sinn philosophisch interessanter Begriffe und Redewendungen (ideas) dadurch auszuweisen und auf die Probe zu stellen, daß er nach den sie deckenden unwillkürlichen Eindrücken (impressions) fragte; mit einem späteren Ausdruck könnte man sagen: nach ihrem „Sitz im Leben". Als Maßgabe phänomenologischer Forschung bedeutet dieses Kritik- und Methodenrezept zweierlei. An erster Stelle steht die Forderung, ausschließlich auf relativ trivialer (durchschnittlich jedermann jederzeit frisch oder in der Erinnerung zugänglicher) Lebenserfahrung aufzubauen, diese in scharfe Begriffe zu fassen und diese Begriffe nur in logisch übersichtlicher Weise zu kombinieren, um Erfahrungsbereiche zu rekonstruieren, die ihrerseits trivial (aber dem öffentlich, auch bei den Philosophen, eingeschliffenen Begreifen manchmal fremd wie Märchenwelten) oder esoterisch sein können. Dieses Verfahren soll Gewähr leisten, daß der Philosoph stets sich verstehen und verstanden werden kann, damit er sich nicht selbst betrügt, wie leicht geschieht, wenn er sich auf dem schwankenden Meer übernommener Begriffe oder prophetenhaft expektorierter Redensarten („Jargon der Eigentlichkeit") treiben läßt. Für solche phänomenologische Selbstkontrolle eignet sich besonders die von mir angegebene Methode der drei Stadien (s. System 1 S. 141): I. Deskriptives Stadium: Ein Gegenstandsbereich wird durch möglichst genaue Umschreibung mit den Mitteln der üblichen Sprache aus der im angegebenen Sinn relativ trivialen Lebenserfahrung herausgehoben. 2. Analytisches Stadium: Wiederkehrende und sich verschlingende Grundzüge des Bereichs werden herausgeschält und terminologisch fixiert. 3. Kombinatorisches Stadium: Durch geeignete Kombination der Grundzüge in der festgelegten Terminologie werden komplexe Bestandteile des Bereichs rekonstruiert, auch als Probe auf die Zulänglichkeit der Analyse. Nach diesem Muster habe ich das leibliche Befinden (System II 1; System II 2 S. 7-35), die Gefühle (System III 2) und die Räumlichkeit (System III 1; System III 2 S. 185-360) phänomenologisch durchforscht.
An zweiter Stelle wird Humes Methode für die Phänomenologie durch die Unwillkürlichkeit der impressions wichtig, denn Phänomenologie ist das Bestreben, durch systematische Abschälung aller vom Belieben abhängigen Annahmen den harten Boden der Phänomene freizulegen, nämlich der Sachverhalte, die man jeweils als Tatsachen anerkennen muß, weil man sie nicht im Ernst bestreiten kann. Dieses Bestreben dient teils der Kritik (Beseitigung von Scheinproblemen), teils der Heuristik (Durchbrechung verhärteter Perspektiven mittels Entkräftung entbehrlicher Hypothesen und ungeprüfter Voraussetzungen durch die Tat des Bessermachens). Ein Phänomen für jemand zu einer Zeit ist ein Sachverhalt, dem der Betreffende dann nicht im Ernst die Tatsächlichkeit bestreiten kann, wie sehr er sich auch durch Variation von Annahmen darum bemüht. Dieser Phänomenbegriff unterscheidet sich von seinen Analoga bei früheren Autoren (Husserl, Heidegger, Sartre) durch die doppelte Relativierung, und seine Anwendung unterliegt obendrein der Labilität, daß man (trotz großer Evidenz in vielen trivialen und nichttrivialen Fällen) nie ganz sicher wissen kann, was gerade Phänomen für einen ist, ob man z. B. alle Variationsmöglichkeiten berücksichtigt hat. Der Weg der Phänomenologie „zu den Sachen" ist also prinzipiell genau so unvollendbar wie der Weg der Naturwissenschaften „von den Sachen" zu durch Prognosen testbaren Theorien. Auch kann die Möglichkeit, sich über Phänomene zu einigen, nicht a priori postuliert, sondern nur als heuristische Maxime unterstellt werden, die ihr Recht daran hat, daß es auch für die eigene phänomenologische Erkenntnis nützlich ist, den Glauben an mögliche Verständigung mit Anderen nie fahren zu lassen, weil man erst an der Auseinandersetzung mit deren Zeugnissen und Erwiderungen der Entbehrlichkeit eigener Vorurteile, von denen der einsame Denker besessen bleibt, inne wird. Aus diesem Grund ist die durch Erfahrung gebildete phänomenologische Methode weit davon entfernt, Introspektion zu sein, und vielmehr auf das Abhorchen möglichst vieler Quellen fremder Lebenserfahrungen nach Konvergenzen angewiesen; nur für die Entscheidung, was als Phänomen gelten soll, ist der einzelne Phänomenologe auf sich gestellt.
(S.16-34)